Wolf Dietrich und die Modernisierung der Stadt

Im Jahr 1600 saß Wolf Dietrich von Raitenau seit mehr als einem Jahrzehnt auf dem Bischofsstuhl Salzburgs, eines der wichtigsten Bistümer nördlich der Alpen. Er war nicht nur der höchste kirchliche Repräsentant, sondern als Fürsterzbischof zugleich auch oberster Landesherr von Salzburg. Erst wenn wir uns diese Doppelfunktion vor Augen führen, erschließt sich die Bedeutung des Stadtumbaus, in dem das Neubauprojekt für den Dom zu Salzburg die zentrale Rolle spielte.

Wolf Dietrich, der sich selbst intensiv mit Architektur beschäftigte, gab seiner Residenzstadt ein modernes Gesicht. Er brach die mittelalterlichen, voneinander durch grundherrschaftliche Verhältnisse abgekoppelten Bezirke innerhalb der Stadt auf und schuf einen einheitlichen Stadtkörper. Der Anlage der neuen Plätze mussten zahlreiche Bürgerhäuser, aber auch das alte Spital beim Dom und das Domkloster weichen. Wolf Dietrich ging radikal und keineswegs immer planvoll vor. Vieles blieb Stückwerk.

So begann er 1588 den Neubau der Residenz, der aber nach zahlreichen Modifikationen erst 1602 fertig gestellt wurde. 1604 riss er, vermutlich auf Anraten des venezianischen Stararchitekten Vincenzo Scamozzi, den erst 1594 errichteten Hannibalpalast (benannt nach seinem in Ungnade gefallenen Bruder Hannibal) wieder ab. Seine Eingriffe zur Modernisierung der Stadt folgten städtebaulich repräsentativen, herrschaftlichen, verkehrstechnischen, aber auch hygienischen Aspekten. In letztere Kategorie fällt etwa die Verlegung des städtischen Friedhofs vom heutigen Domplatz in die Peripherie nach St. Sebastian, wo der Fürsterzbischof eine Ruhestätte nach italienischem Vorbild mit seiner eigenen Grablege in der Mitte, der Gabrielskapelle (1597–1603), errichten ließ. Zur hygienischen Erneuerung der Stadt zählt auch die Verlegung des Spitals in die Vorstadt, die Anlage eines neuen Fischmarkts im Bereich des heutigen Hanuschplatzes oder die Pflasterung diverser Straßen. Wolf Dietrich erkannte, dass die mittelalterliche Stadt einer durchgreifenden Sanierung bedurfte, wenn sie als moderne Residenzstadt einer der wichtigen Diözesen der römisch-katholischen Kirche gelten sollte. Dabei ist es falsch zu glauben, dass sich dahinter bloße Geltungssucht verbarg. Das Stadterneuerungsprojekt Wolf Dietrichs ist vielmehr Ausdruck einer tiefgreifenden geistigen und ökonomischen Reform.

Der von Wolf Dietrich betriebene Stadtumbau hatte auch handfeste wirtschaftspolitische Ziele und gipfelte im Neubau eines prächtigen Doms nach den Plänen von Vincenzo Scamozzi. Trotz Grundsteinlegung – nicht die einzige, die den Anfang vom Ende eines Projektes in Salzburg markierte – wurde das Projekt nicht umgesetzt.

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