Paul Geppert d. Ä., Ein zweiter Tunnel durch den Mönchsberg, 1907

Gegen Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche Pläne für die „Regulierung“ der Altstadt gewälzt. Darunter verstand man die Schaffung von Straßendurchbrüchen und die Verbreiterung der bestehenden Straßen, um sie mit neuen Wohn- und Geschäftshäusern bebauen zu können. Einen vorläufigen Endpunkt für diese Strategie markiert das Scheitern dieses Projekts.

Das Vorhaben beschäftigte die Stadt bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, und ausgerechnet jene Person, deren Ermordung Anlass für diesen Krieg war, spielt darin die Hauptrolle: Thronfolger Franz Ferdinand. Um den Süden der Stadt ans Zentrum anzubinden, plante man einen zweiten Tunnel durch den Mönchsberg. Die Idee war nicht ganz neu. Hinterlistig hatten die Stadtväter dem Projekt den Namen Kaiser-Jubiläums-Tor gegeben, womit sie auf allerhöchste Zustimmung hofften. Franz Ferdinand, Gegenspieler des alten Kaisers, sah im Kronland Salzburg eine persönliche Spielwiese und hegte sogar den Wunsch, hier eine Residenz zu bauen. Der stramme Autokrat hatte die Denkmalpflege und den noch jungen Heimatschutzgedanken auf seine Fahnen geheftet und sah im Projekt der liberalen und deutschnational gesinnten Gemeinderäte einen frontalen Angriff auf seine Überzeugungen. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um es zu Fall zu bringen. Das größte Sakrileg bestand in den Augen Franz Ferdinands darin, dass für die gewählte Tunnelvariante der Abbruch von sechs Arkadengrüften im südöstlichen Bereich des St.-Peter-Friedhofs erforderlich gewesen wäre. Aus zeitlicher Distanz erheitern dabei auch die Nebenschauplätze. So hatte sich die Erzdiözese interessanterweise für den Abbruch der Arkaden ausgesprochen. Sie argumentiert dabei – der Friedhof war 1878 aufgelassen worden – mit barockem Memento mori: „Das Leben der Friedhöfe sei eben der Tod, die Beisetzung der Leichen. Hört dieselbe auf, sterben die Anverwandten der Toten dahin, und ist ein neuer Friedhof da, der das Geld und die Pietät der Familien beansprucht, so stirbt der alte Friedhof dahin.“ Folgte man der Logik der Kirchenmänner, hätte man den aufgelassenen Friedhof gleich ganz abbrechen und anderen Zwecken widmen können.

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