Die Entfesselung der Stadt – die Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts und deren Ende

In diesem Kapitel wird mit zwei Projekten – dem des Eisenbahnunternehmers Karl Schwarz für die Stadterweiterung Salzburgs und jenem für einen zweiten Tunnel durch den Mönchsberg – ein halbes Jahrhundert Stadtplanungsgeschichte umrissen.

Den bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts verbindet mit der Stadt Salzburg eine zwiespältige Geschichte. Erstmals erweiterte man die Stadt nicht einfach nur, indem man die Verteidigungswälle um eine Schicht nach außen schob, sondern nun fielen die Fortifikationen, die man als Hemmung bürgerlicher Freiheiten und als eine obrigkeitsstaatliche Beschränkung empfand, gänzlich. Während in Graz oder Wien das Militär die Wälle den Kommunen un-entgeltlich überließ, wollte man in Salzburg dafür finanziell entschädigt werden. Die Geldmittel der Stadt waren jedoch knapp, und so war es der bürgerliche, später geadelte Eisenbahn-unternehmer Karl (Freiherr von) Schwarz, der sich der Salzburger Probleme annahm. Mit dem 1860 feierlich eröffneten Bahnhof hatte er die Stadt an das Eisenbahnnetz angebunden. Man erhoffte sehnlichst einen wirtschaftlichen Aufschwung für das seit dem Ende der Selbst-ständigkeit 1806 darbende Land und die zu einem Provinznest herabgesunkene einstige Residenzstadt.

Die anschließende Phase des liberalen Aufbruchs erfuhr mit dem Zusammenbruch der Wiener Börse im Jahr der Wiener Weltausstellung 1873 eine Zäsur.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist das bürgerlich-liberale Selbstverständnis zerbrochen. Der Kampf um das Linzer Tor markiert diesen Bruch in der Stadtgeschichte. Seinem Abriss im Jahr 1894 ging ein gehässiger, in Zeitungen und im Gemeinderat ausgetragener Streit voran. Zwar setzten sich die wirtschaftsliberalen Kräfte gegen die Bewahrer durch, doch ihr Triumph war teuer erkauft.

Das Bewusstsein, dass nicht nur Kirchen und Paläste, sondern die Struktur der Stadt ihren Denkmalwert bestimmen, war noch lange nicht gegeben. Dafür stehen die Stadtregulierungs-projekte, die in der Altstadt kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hätten; etwa das von Architekt Franz Drobny (1902), jenes von den anerkannten Städtebau-Koryphäen Karl Mayreder / Karl Hofmann (1905), die in mehreren Varianten vorliegenden Regulierungsprojekte des Stadtbauamts und nicht zuletzt der gescheiterte Plan für eine zweite Tunnelröhre durch den Mönchsberg.

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