Wunibald Deininger / Martin Knoll, Projekt für eine Mirabellplatzverbauung, 1932

Der Mirabellplatz ist unter allen Plätzen in Salzburg wohl jener, der am häufigsten mit Planungen bedacht wurde. Ein einziges, dafür wahrlich grandioses Blatt steht in dieser Ausstellung paradigmatisch für eine nunmehr 150 Jahre währende Geschichte des Scheiterns.

Der Karlsplatz in Wien, so wird der bedeutende Architekt Otto Wagner gerne zitiert, sei mehr eine Gegend als ein Platz. Auch der Mirabellplatz in Salzburg scheint so eine „Gegend“ zu sein. Dabei war er bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein durchaus kompakter städtischer Raum. Ein Architekt ragt in der Beschäftigung mit diesem Stadtraum heraus: Wunibald Deininger. Fast obsessiv hat er sich immer wieder mit dem Platz auseinandergesetzt und sich auch publizistisch geäußert. Bereits 1924 errang er mit Martin Knoll bei einem Wettbewerb den ersten und den dritten Preis (zwei Projekte wurden eingereicht). Die Finanzmisere der Stadt verhinderte aber die Umsetzung. 1932 entwickelte Deininger den Plan, den Platz in zwei Segmente zu gliedern. Noch im selben Jahr startete er gemeinsam mit Knoll einen weiteren Anlauf. Es entstand der vielleicht überzeugendste Gestaltungsansatz für den Platz. Die stimmungsvolle Kohlezeichnung vermittelt die Idee, den Vorbereich der Kirche asymmetrisch zu gliedern und so das axiale Korsett, das Andräkirche und Schloss Mirabell vorgeben, zu durchbrechen. Das Projekt wurde jedoch nicht realisiert, nicht zuletzt wegen teils unsachlicher Kritik. Der Stadtverein lehnte die „absolut unzureichend durchgearbeiteten Verbauungspläne“ ab.

Gegenwärtig macht es wenig Sinn, über Hochbauten am Mirabellplatz nachzudenken, obwohl es dazu immer wieder Anläufe gab.

 

LASCH – Wilhelm Lankmayer / Hans Schmidt, Wohnbebauung Bärengässchen, 1985

Zeitgenössische Architektur im historischen Kontext der Salzburger Altstadt – ist das möglich und erlaubt? Über diese Frage entwickelte sich Mitte der 1980er-Jahre in Salzburg ein heftiger Streit, dem auch dieses Projekt zum Opfer fiel.

Erstmals, so wurde damals verkündet, sollte in der Altstadt von Salzburg ein „moderner“ Neubau entstehen, der sich nicht historisierend der Umgebung anpasst. Nun, bei der in diesem Zusammenhang zitierten Moderne handelte es sich um stilechte Postmoderne, dennoch ist der Versuch, zeitgemäßen Wohnraum in der Altstadt zu schaffen, hoch zu schätzen. Johannes Voggenhuber, neu ins Amt gewählter Planungsstadtrat, sprach in den Salzburger Nachrichten sogar „von der besten bisher in der Salzburger Altstadt vorgelegten Planung“. Und selbst die Kronenzeitung titelte überschwänglich: „Erstmals paßt neues Haus in alte Umgebung.“ Aber das Blatt wendete sich rasch. Das Bauvorhaben mit zwölf Wohnungen wurde in den Mühlen einer hochexplosiven Debatte zerrieben. Die schärfste Front gegen das Projekt entstand innerhalb der Bürgerliste selbst. Gemeinderat Herbert Fux entfachte eine Grundsatzdebatte und avancierte zum größten Kritiker seines Parteifreundes Voggenhuber; er erklärte, dass „Neubauten im Altstadtbereich – ungeachtet ihrer architektonischen Qualität – unpassend seien und damit per se dem Fremdenverkehr schaden“. Fux, der sonst immer die Auswüchse des Tourismus anprangerte, plädierte nun für den Kauf der Fläche samt Umwidmung in Grünland. Als sich abzeichnete, dass der politische Widerstand das Projekt zu Fall bringen würde, bot der Bauträger der Stadt die Liegenschaft zum Preis von 20 Millionen Österreichischen Schilling an (€ 1 453 456,-). 1986 kaufte die Stadtgemeinde schließlich das Areal um die Hälfte der Summe und widmete es in Grünland. Sechs Jahre zuvor hätte sie die Fläche inklusive dreier Altstadthäuser noch um schlanke 5,9 Millionen Österreichische Schilling (ca. € 429 000,-) erwerben können. Mit dem Ankauf der Fläche hat die Stadt das gemacht, was sie im Allgemeinen nie tut, nämlich aktive Bodenpolitik. Die ungenutzte Wiese kann heute noch jeder besichtigen. Die Vereitelung des Projekts war ein Signal gegen die Altstadt als Wohnraum und bestärkte den Tourismus als beherrschenden Wirtschaftsfaktor.

 

maria flöckner und hermann schnöll, Adaptierung des Kapitelsaals / Besucherzentrum für die Festung Hohensalzburg, 2009–13

Der Versuch der Adaptierung des Kapitelsaals zeigt, wie schwierig es ist, innovative Projekte in der Altstadt von Salzburg zu realisieren, selbst bei derart bescheidenen Dimensionen wie in diesem Fall.

Der Kapitelsaal ist ein Veranstaltungsraum der Erzdiözese, der bauhistorisch gesehen keine besondere Bedeutung hat. Entstanden ist er Anfang der 1970er-Jahre, übrigens unter massivem Abbruch damals noch vorhandener Bausubstanz, nach Plänen des Salzburger Architekten Otto Prossinger. Das Bauamt der Erzdiözese lud 2009 mehrere Architekten zu einem Wettbewerb, um Ideen für die Neugestaltung des unattraktiven, selbst unter Salzburgern kaum bekannten Saals zu erhalten. Das Architekturbüro maria flöckner und hermann schnöll legte ein mutiges Konzept vor, das auch den Verantwortlich-en gefiel. Es sah vor, die seitliche Wand zur Bierjodlgasse zu öffnen, um den in der Bedeutungslosigkeit versunkenen Saal stärker ins Blickfeld zu rücken. Dieses Ansinnen fand bei der Altstadterhaltungs-kommission allerdings keinen Anklang. Sie verlangte die Reduktion des Glasanteils und beharrte auf der „Wandhaftigkeit“ der Mauer, die es historisch in dieser Form gar nicht gegeben hatte. Sie ist eine – wenn auch gekonnte – Prossingersche Erfindung.

Nach einem über Jahre geführten Diskussionsprozess verabschiedeten sich die Architekten von ihrem Ansatz, der den Saal transparenter gemacht hätte. Sie schlugen nun vor, die Wand in einem kleinen Bereich zu durchtrennen, so den Saal freizustellen und ihn mit einem Vorplatz zu versehen. Dabei orientierten sie sich an alten Stadtansichten und konnten nachweisen, dass ursprünglich die Häuser in diesem Bereich der Stadt frei standen, also die Situation viel durchlässiger war, als sie es heute ist. Als Nutzung war nun nicht mehr ein Theater, sondern ein Besucherzentrum für die Festung Hohensalzburg vorgesehen. Diesem Konzept stimmten selbst die strengen Altstadtschützer zu. Doch die Erzdiözese zog das Projekt zurück. Die Chance, den Saal samt dem Standort aufzuwerten, wurde verspielt.

 

Friedrich Kurrent, Wohnbebauung Salzburg-Süd, Wettbewerbsplan und Modell, 1971/72

Der Kampf um die Landschaftsräume im Süden Salzburgs zählt längst zum Mythos der jüngeren Stadtgeschichte. Ein differenzierter Blick darauf wäre für die Zukunft der Stadt dennoch wichtig.

Hans Sedlmayr, Kunsthistoriker und wortmächtiger Gegner der Verbauung zeichnet in seinem Buch Stadt ohne Landschaft ein verheerendes Bild der Planungen: „Ausgerechnet zu seitens der Lebensader (i. e. die Hellbrunner Allee) des paradiesischen Tales wird ein Gebiet größter Wohnungsdichte geplant.“ Es sollen bis zum Jahr 1985 bereits „37 000 Einwohner und 3 000 Erwerbstätige“ angesiedelt sein. Und er schreibt auch gleich, wie das ausschauen wird: „Das bedingt jedenfalls eine städtische, ja großstädtische Verbauung mit Wohnblocks […]. Im Abstand von 100 Metern rechts und links von der Allee, auf vier Fünfteln der Länge, würden sich Wohnblocks reihen, ungefähr von der Art wie die der sogenannten ,Rennbahnsiedlung‘.“

Zugegebenermaßen war die Vorstellung abschreckend, und sie hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Der aus Salzburg stammende Architekt Friedrich Kurrent gibt eine etwas andere Einschätzung der Lage: „1971/72 beteiligte ich mich am zweistufigen Wettbewerb für die Wohnanlage ,Salzburg-Süd‘ in einer äußerst empfindlichen Gegend nahe der Hellbrunner Allee, die ich von meiner Jugendzeit her gut kannte. Ich versuchte dem Charakter und Maßstab des von Bergen gefassten südlichen Landschaftstrichters von Salzburg gerecht zu werden. […] Wasserflächen, Bäche, Wiesen, Wald- und Baumbestand sollten zusammen mit den vorhandenen und neuen Bauten eine Verschmelzung von Natur und Architektur erreichen. Ich versuchte mit der Wohnanlage möglichst niedrig zu bleiben – mit nur drei Geschoßen und einzelnen turmartigen Aufbauten darüber. Das Projekt wurde zwar mit dem ersten Preis prämiert, fiel aber einer Bürgerinitiative zum Opfer, die sich noch während der Wettbewerbslaufzeit um den Kunsthistoriker Hans Sedlmayr formierte.“ Kurrent hat auf dem Wettbewerbsplan auch die geplante Süd-tangente, die er als falsch empfand, eigenhändig ausgestrichen. Die Stadt Salzburg belegte schließlich das Siedlungsstück mit einem Bauverbot und widmete es in Grünland. Nicht verhindert wurde damit, dass, wie Kurrent später feststellte, „an der Alpenstraße in der Zwischenzeit ziemlich alles voll gebaut [wurde].“

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