Ideen für die Stadt

Das berühmte Stadtpanorama Salzburgs ist durch keine bauliche Maßnahme zu verbessern. Kein spektakulärer Neubau könnte die Besucher-Frequenz steigern. Eher das Gegenteil würde die Lebensqualität verbessern. Salzburg benötigt keinen „Bilbao-Effekt“. Man gewöhnt sich an alles. Nur wenige Bürger stoßen sich heute noch an den Festspielhäusern, die es an maßvollen Proportionen und Geschmack fehlen lassen. Wie mir seine Tochter anlässlich vor kurzem mitteilte, war der „Retter der Altstadt“ Hans Sedlmayr fast soweit, die an den Fenstern des Rupertinums hängenden „Zungenbärte“ Hundertwassers gelten zu lassen. Man kann sich nicht mehr vorstellen, wie diese lächerlichen Applikationen aus Keramik in den 1980er Jahren eine Lawine der Entrüstung lostraten.

Die heftigen Salzburger Auseinandersetzungen für und wider die Moderne sind obsolet. Es ist kein Qualitätszeichen, sondern eine Charakterfrage, ob man Neubauten als erratische architektonische Eitelkeiten errichten will, oder sich um eine traditionsgebundene Anpassung bemüht. Mit der beliebten Rücksichtnahme auf die Umgebung ist man in dieser wundervollen Stadt oft schlecht gefahren – man denke an den Vorgängerbau des Mozarteums oder die AVA-Häuser am Franz-Josef-Kai. Die Feier des Ensembleschutzes verwischt die historischen Unterschiede. Kein mit den lokalen Diskussionen unvertrauter Architekturhistoriker vermöchte Mozarts Wohnhaus am Makartplatz richtig einzuschätzen. Ein Betrug wie dieses barock wirkende Gebäude hat die Salzburger nie gestört. Aber das Berliner Schloss zeigt auf, dass diese Einstellung ubiquitär ist.

Es ist die Frage, ob einige den Gestaltungsbeiräten zur Begutachtung vorliegende Ideen internationaler Stars viel zum Guten oder zum Schlechten geändert hätten. Selbst das Museum im Mönchsberg von Hans Hollein wollte sich im Felsen verstecken. Das globale Interesse an spektakulären Neubauten verdeckt, dass sich durch kreative Glanzleistungen nicht viel am Lebensgefühl ändert. Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao bildet hier eine seltene Ausnahme. Selbst in den traditionellen Zentren neuer Architektur in Chicago oder New York haben in den letzten Jahren eher städtebauliche Eingriffe eine Wandlung herbeigeführt. Der Millenium Park in Chicago mit der fast 100 Tonnen schweren Landmarke The Cloud Gate von Anish Kapoor bildet einen neuen Schwerpunkt. Die „Bohne“ genannte 46 Meter hohe Skulptur lockt die Besucher magnetisch an, die in den krummen spiegelnden Oberflächen ihre Selfies produzieren. Und in New York hat kein neues Hochhaus eine so tiefgreifende Wandlung des Lebensgefühls herbeigeführt wie die Bewahrung und Adaptierung auf dem Viadukt alter Bahngeleise. Vier Millionen Besucher im Jahr auf der High Line stellen einen neuen Rekord dar. Im September 2014 wurde der dritte nördliche Bereich eröffnet (www.thehighline.org). Wie dieses „Bottom up“-Erfolgsprojekt verdankt sich auch der geplante schwimmende Pluspool unter der Brooklyn Bridge der privaten Initiative naiver Mitbürger, die die Planung durch den Multiplikator der Internetplattform „Kickstarter“ finanzieren.

Im Lichte dieser urbanen Umorientierungen der letzten Jahre war die wichtigste Baumaßnahme in Salzburg kostengünstig. Durch die Öffnung einiger Türen und die Revitalisierung von lange verschlossenen Gängen entstand der Rundgang im Dombezirk. Keine neue Architektur in Salzburg ist je so euphorisch begüßt worden, wie die Realisierung dieser Idee. Nicht nur die Touristen profitieren davon, sondern auch die Einheimischen, die sich als Zaungäste oft von den Geschehnissen in ihrer Stadt ausgeschlossen fühlen und von der Pracht hinter den abweisenden Fassaden nichts sehen. Ohne Zweifel bewirkt diese Idee eine Wende im Bewußtsein der Bürger, wie sie keine neue Architektur bewirken könnte.

Thomas Zaunschirm

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