Gespräch „Mein (un)gebautes Salzburg“

Erich Pedevilla (Leiter Archiv Hans Hollein) u.a. über das Guggenheim-Museumsprojekt für Salzburg

Erich Pedevilla Leiter des Archivs Hans Hollein und ehemaliger Mitarbeiter im Architekturbüro Hans Holleins erläutert Hans Holleins Entwürfe für Salzburg, unter anderem das Guggenheim-Museumsprojekt und gibt Auskunft über das Scheitern dieses außergewöhnlichen Konzeptes für Salzburg.

Moderation: Roman Höllbacher (Ausstellungskurator und Leiter der Initiative Architektur)

Veranstaltungsort: Museum der Moderne, Mönchsberg 32, 5020 Salzburg

11.07.2015 | 15:00 Uhr

Beitrag:Museumseintritt plus € 2,-

Ideen für die Stadt

Das berühmte Stadtpanorama Salzburgs ist durch keine bauliche Maßnahme zu verbessern. Kein spektakulärer Neubau könnte die Besucher-Frequenz steigern. Eher das Gegenteil würde die Lebensqualität verbessern. Salzburg benötigt keinen „Bilbao-Effekt“. Man gewöhnt sich an alles. Nur wenige Bürger stoßen sich heute noch an den Festspielhäusern, die es an maßvollen Proportionen und Geschmack fehlen lassen. Wie mir seine Tochter anlässlich vor kurzem mitteilte, war der „Retter der Altstadt“ Hans Sedlmayr fast soweit, die an den Fenstern des Rupertinums hängenden „Zungenbärte“ Hundertwassers gelten zu lassen. Man kann sich nicht mehr vorstellen, wie diese lächerlichen Applikationen aus Keramik in den 1980er Jahren eine Lawine der Entrüstung lostraten.

Die heftigen Salzburger Auseinandersetzungen für und wider die Moderne sind obsolet. Es ist kein Qualitätszeichen, sondern eine Charakterfrage, ob man Neubauten als erratische architektonische Eitelkeiten errichten will, oder sich um eine traditionsgebundene Anpassung bemüht. Mit der beliebten Rücksichtnahme auf die Umgebung ist man in dieser wundervollen Stadt oft schlecht gefahren – man denke an den Vorgängerbau des Mozarteums oder die AVA-Häuser am Franz-Josef-Kai. Die Feier des Ensembleschutzes verwischt die historischen Unterschiede. Kein mit den lokalen Diskussionen unvertrauter Architekturhistoriker vermöchte Mozarts Wohnhaus am Makartplatz richtig einzuschätzen. Ein Betrug wie dieses barock wirkende Gebäude hat die Salzburger nie gestört. Aber das Berliner Schloss zeigt auf, dass diese Einstellung ubiquitär ist.

Es ist die Frage, ob einige den Gestaltungsbeiräten zur Begutachtung vorliegende Ideen internationaler Stars viel zum Guten oder zum Schlechten geändert hätten. Selbst das Museum im Mönchsberg von Hans Hollein wollte sich im Felsen verstecken. Das globale Interesse an spektakulären Neubauten verdeckt, dass sich durch kreative Glanzleistungen nicht viel am Lebensgefühl ändert. Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao bildet hier eine seltene Ausnahme. Selbst in den traditionellen Zentren neuer Architektur in Chicago oder New York haben in den letzten Jahren eher städtebauliche Eingriffe eine Wandlung herbeigeführt. Der Millenium Park in Chicago mit der fast 100 Tonnen schweren Landmarke The Cloud Gate von Anish Kapoor bildet einen neuen Schwerpunkt. Die „Bohne“ genannte 46 Meter hohe Skulptur lockt die Besucher magnetisch an, die in den krummen spiegelnden Oberflächen ihre Selfies produzieren. Und in New York hat kein neues Hochhaus eine so tiefgreifende Wandlung des Lebensgefühls herbeigeführt wie die Bewahrung und Adaptierung auf dem Viadukt alter Bahngeleise. Vier Millionen Besucher im Jahr auf der High Line stellen einen neuen Rekord dar. Im September 2014 wurde der dritte nördliche Bereich eröffnet (www.thehighline.org). Wie dieses „Bottom up“-Erfolgsprojekt verdankt sich auch der geplante schwimmende Pluspool unter der Brooklyn Bridge der privaten Initiative naiver Mitbürger, die die Planung durch den Multiplikator der Internetplattform „Kickstarter“ finanzieren.

Im Lichte dieser urbanen Umorientierungen der letzten Jahre war die wichtigste Baumaßnahme in Salzburg kostengünstig. Durch die Öffnung einiger Türen und die Revitalisierung von lange verschlossenen Gängen entstand der Rundgang im Dombezirk. Keine neue Architektur in Salzburg ist je so euphorisch begüßt worden, wie die Realisierung dieser Idee. Nicht nur die Touristen profitieren davon, sondern auch die Einheimischen, die sich als Zaungäste oft von den Geschehnissen in ihrer Stadt ausgeschlossen fühlen und von der Pracht hinter den abweisenden Fassaden nichts sehen. Ohne Zweifel bewirkt diese Idee eine Wende im Bewußtsein der Bürger, wie sie keine neue Architektur bewirken könnte.

Thomas Zaunschirm

Statement zum Thema „Ungebautes Salzburg“ von Stefan de Marino

Gestaltungsbeirat

The Gestaltungsbeirat is a rare instance in a market driven society, because it concerns itself less with the metrics and more with the contents of the built environment, it deals with qualities rather than quantities. It brings together all actors involved in the realisation of the city – as the spatial expression of cultural, environmental, economic aspirations, the city that is being imagined and built now. It enables a dialogue on architecture as the medium of this translation. And while questioning proposals and means to achieve results, it is a constant interrogation of architecture itself – and its possibilities . The city of today, the tentatively named zones, areas, quartiers or Siedlungen – in other words a bunch of buildings that struggle to find an identity- comes under scrutiny. It is largely determined by financial -rather than intellectual- speculation, also a form of anticipating a possible outcome, but perhaps more limited in scope. The Gestaltungsbeirat is a reality check, where private interests, investors calculations and even political ambitions (the planners yardsticks), are tested for social consequence and environmental effect, for cultural and visual value. It is not merely a critical instance, it is a projective one. Architects are seen to bring visions, to be creative and challenging. Serving in the Gestaltungsbeirat in Salzburg largely blew that assumption away, replacing it with a more surprising and effective observation: if politics lack vision, creativity and a drive for change, no project of any consequence will be realised, the best ideas will not come to fruition, and brilliant thoughts will remain idiosyncrasies in the drawer.

Stefano de Martino

Salzburg: Ein Scheitern in Projekten

Lang ist die Liste der Vorhaben, die in Salzburg in den letzten drei Jahrzehnten initiiert, aber nicht umgesetzt wurden. Immer wieder folgten Koryphäen dem Ruf und zeichneten Entwürfe für die Stadt an der Salzach. Doch nicht nur Träger des renommierten Pritzker-Architektur-Preises wie Álvaro Siza, Eduardo Souto de Moura und Hans Hollein haben der Stadt ihre Kreativität umsonst angedient.

Die 1970er-Jahre waren in Salzburg eine Zeit des Umbruchs, in der die technokratischen Reißbrettplanungen auf den entschiedenen Widerstand der Bevölkerung trafen. Die Bürger-initiativen, die sich nun bildeten, erkannten, dass man bei der Umsetzung von Vorhaben wie dem Generalverkehrsplan (1976) die Stadt und ihre Landschaft für immer zerstören würde. Johannes Voggenhuber, der 1983 in die Stadtregierung gewählte Vertreter der grün-alternativen Bürgerliste, die als Partei aus den oben erwähnten Initiativen hervorgegangen war, brachte Reformen auf den Weg, die die Stadtentwicklung bis heute prägen. Im Rückblick verwundert es nicht, dass viele der damals initiierten Vorhaben über das Projektstadium nicht hinauskamen. In seiner nur vier Jahre dauernden Amtszeit als Planungsstadtrat scheiterten neben dem Projekt für die Erweiterung des Casinos Winkler von Álvaro Siza noch einige andere hervorragende Entwürfe: ein Hotel von Eduardo Souto de Moura in der Neutorstraße, eine Bar am Giselakai von Adolf Krischanitz oder das Wohnprojekt Bärengässchen von Lankmayer/Schmidt.

Die Praxis, prominente, international tätige Architekten zu Wettbewerben einzuladen, lebte auch nach Voggenhubers Abgang aus der Stadtpolitik fort. Dies führte zu einer Art „Competainment“, das allzu oft als Kampagnen-Vorlage für den Boulevard diente, der diese Projekte zu Fall brachte. Juan Navarro Baldewegs Entwurf für den Neubau des Kongress-hauses (1992) war schlicht genial – ein Wurf, wie er nur in Ausnahmefällen gelingt. Dominique Perrault scheiterte mit dem Wettbewerbsprojekt am Rehrl-Platz (1995) ebenso wie Massimiliano Fuksas mit dem „Spaßbad“ (2002) oder Boris Podrecca mit der Gestaltung des Makartplatzes (2001).

Die Politik verliert im Zeitalter des Neoliberalismus – diktiert von klammen Kassen und dem Primat privater Investitionen – zusehends an Einflussmöglichkeiten. Das Scheitern der Gestaltung des Bereichs Hofstallgasse / Max-Reinhardt-Platz (one room), einer Winter-einhausung des Residenzbrunnens (Dietmar Feichtinger) oder der geplanten Neugestaltung des Residenzplatzes (Max Rieder und Andreas Knittel) sind symptomatisch für diese Situation. Der Platz ergreift im Gegenzug das Triviale, das die Besucher der „Heritage City“ nicht aus dem Schlaf rüttelt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich die Frage, ob diese Stadt noch die Kraft zur Erneuerung besitzt. Können wir dem Ort genuin Neues abringen, oder diktiert uns der Tourismus auf ewig die Reproduktion eines eingefrorenen Stadtbilds?

Podiumsdiskussion „Thesen zur Stadtentwicklung von Salzburg“

Obwohl die utopischen und gescheiterten Bauvorhaben der Ausstellung „Ungebautes Salzburg“ nie gebaute Wirklichkeit wurden, spiel(t)en sie in der Realität – im politischen Diskurs – mitunter eine enorme Rolle. Man denke nur an das Guggenheim-Museum von Hans Hollein oder Álvaro Sizas Entwurf für ein Casino und Lift am Mönchsberg.

Die Diskussion soll Anstoß dafür sein, über Salzburg als Projekt der Zukunft nachzudenken, Visionen für Salzburg im 21. Jahrhundert zu entwickeln und die Umsetzung zu diskutieren.

Impulsreferate:
Martin Oberascher, Architekt
Florian Medicus, Architekt

Weitere Diskutanten:
Johann Padutsch, Stadtrat von Salzburg
Gerhard Doblhamer, ehem. Leiter der Stadtplanung Salzburg
Theo Deutinger, Architekt, Publizist und Wissenschaftler

Moderation: Volker Dienst, Kurator „architektur in progress“

Veranstaltungsort: Museum der Moderne, Mönchsberg 32, 5020 Salzburg
Eintritt: frei

Peter Ebner and Friends, Fußgängerturm und Lift, Kapuzinerberg, 1999–2002

Neben dem Festungs- und dem Mönchsberg ist der Kapuzinerberg einer der drei Salzburger Hausberge. Weil er nur über einen steilen Weg und Treppen erreicht werden kann, gab es schon im 19. Jahrhundert Überlegungen, den Berg mit einer Seilbahn zu erschließen.

Im Zusammenhang mit der Sanierung des Franziskischlössls am Kapuzinerberg spekulierte man 1990 erneut mit der Errichtung einer Aufstiegshilfe an der Nordseite des Bergs. Doch dazu kam es nicht. Wenige Jahre später tauchte der Gedanke beim Bau eines Studentenheims (Peter Ebner, Günter Eckerstorfer mit Robert Schmid) in der Glockengasse wieder auf. Von der Politik wurde der Wunsch eines Fußgängerturms, der nun an der Westflanke des Kapuzinerbergs liegen sollte, an die Planer heran-getragen. Peter Ebner versuchte hartnäckig, letztlich aber vergeblich, Betreiber und Investoren für die Idee seines in sich gewundenen Treppen-turms zu finden. Als gelernter Maschinenbaukonstrukteur entwickelte er gemeinsam mit einer schwedischen Spezialfirma einen einzigartigen, sich um die Achse des Turms drehenden Lift.

Der Turm mit seiner schraubenartigen Figur sollte aus gleichartigen, übereinander gestapelten Betonfertigteilen errichtet werden, die, an der Mittelachse verbunden, um jeweils zehn Grad versetzt werden. Durch diese Anordnung entsteht eine stabile Konstruktion, die dieselbe statische Wirkung wie ein geschlossenes Rohr besitzt, nur eben als allseitig offene Form. Das Problem der Windlasten kann so erheblich reduziert werden. Der Reiz des gewendelten Treppenturms besteht in einer abstrahierten, anthropomorphen Gestalt, die wiederum das Schreiten und Sich-Drehen um die Achse darstellt. Die figura serpentinata der Renaissance, Constantin Brancusis Endlose Säule oder Marcel Duchamps Nu descendant un escalier stellen sich assoziativ als Bezugsmomente dieser Himmelsleiter ein. Die in sich verschraubte Gestalt hat in Salzburg überdies den nur wenige Jahre später vom Büro Delugan_Meissl geplanten Lift auf den Mönchsberg zur Er-schließung des Museums der Moderne vorweggenommen. Dies auch nicht ganz zufällig, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass für beide Projekte das Tragwerksbüro Werkraum Wien die statischen Berechnungen lieferte.

 

one room, Treppenhaus Universitätsaula und Neugestaltung Hofstallgasse – Max-Reinhardt-Platz – Furtwängler-Garten, 2003

Wenn in Salzburg über ein neues Projekt nachgedacht wird, sind die Schlagzeilen in den Medien zunächst positiv. In der nächsten Runde kommen die Kritiker zu Wort, und ein bekanntes Ritual beginnt. So war es auch bei der Neugestaltung des „Schönsten Foyers der Welt“ (Eigen-definition der Salzburger Festspiele für den Max-Reinhardt-Platz).

Im Jahr 2001 hatten Studierende der Hochschule Darmstadt unter Leitung des Basler Stadtplaners Carl Fingerhuth – er war in dieser Zeit auch Mitglied im Salzburger Gestaltungsbeirat und daher mit der örtlichen Situation bestens vertraut – Vorstudien für eine bauliche Fassung von Furtwängler-Garten/Max-Reinhardt-Platz entwickelt. Den besten Beiträgen wurden Festspielkarten versprochen. Für den 2003 ausgelobten internationalen Architektenwettbewerb formulierte der Kulturredakteur Werner Thuswaldner: „Die Aufgabe ist klar. […] Es geht um eine erhebliche Aufwertung des Festspielbezirks.“ Dass den Wettbewerb dann keiner der eingeladenen internationalen Stararchitekten, sondern das junge Salzburger Architektur-büro one room (Georg Huber / Karl Meinhart) für sich entschied, dürfte einige schon zum Widerstand motiviert haben. Neben der Neugestaltung des Platzes war ein wesentlicher Punkt des Programms die neue Erschließung der Universitätsaula, die für das Mozart-Jubiläumsjahr 2006 festspieltauglich gemacht werden sollte. Schon einen Monat nach der Wettbewerbs-entscheidung warnten Vertreter der Festspiele vor einem „Rummelplatz“, der hier vielleicht entstünde. Stein des Anstoßes war ein mit einer Sitztribüne versehener, eingeschossiger Baukörper, der den Platz räumlich gliedert, indem er eine Zäsur zwischen Garten und Straßenraum herstellt.

Verwirklicht wurde nach einer gehässig geführten Debatte die Oberflächen-gestaltung von Hofstallgasse/Max-Reinhardt-Platz und die Glas-Stahl-Konstruktion des Zugangs zur Aula. Das Projekt blieb nur als Torso erhalten. Den Park gestalteten die Landschaftsarchitekten Auböck + Kárász, während der in unzähligen Varianten überarbeitete kleine Pavillon, den eine private Sponsorin bereit war zu finanzieren, den Protesten zum Opfer fiel.

 

maxRIEDER / knittels BÜRO, Neugestaltung des Residenzplatzes, 2007

Noch zu Anfang der 1970er-Jahre diente der Residenzplatz als Autoabstell-fläche. Mit Einführung der Fußgängerzone – übrigens zunächst gegen den Widerstand u. a. der Innenstadtkaufleute realisiert – wollte man die „5. Fassade der Stadt“ neu gestalten. Alle Versuche, den Residenzplatz in einen urbanen Lebensraum zu transformieren, sind aber seither gescheitert.

Der 2007 durchgeführte Wettbewerb für die Gestaltung des Platzes war also nicht der erste Vorstoß, dem Platz eine neue Oberfläche zu verleihen. Wie schon die Anläufe zuvor scheiterte auch dieses Unterfangen an der Frage, was der Platz übers Jahr verteilt an Nutzungen überhaupt verträgt. Dies
führt in schöner Regelmäßigkeit dazu, dass an den Platz mannigfaltige Anforderungen herangetragen werden. Der Platz, auf dem sich einst der Friedhof der Stadt befand (bis Fürsterzbischof Wolf Dietrich ihn nach St. Sebastian verlegte), der die triumphalen Einzüge der Erzbischöfe sah, aber auch die einzige Bücherverbrennung Österreichs im Nationalsozialismus, braucht vor dem nächsten Gestaltungsversuch eine Klärung, welche Rolle er in der Stadt spielen soll. Bis dahin spricht einiges dafür, etwa ökologische Aspekte, den Platz als unversiegelte Fläche zu erhalten.

Der vielleicht gelungenste Aspekt von Rieders Entwurf für die Platzgestaltung ist die bewegliche Skulptur, die als Bodenplatte unauffällig im Platzniveau versenkt ist und nur bei Gedenkveranstaltungen hochgefahren wird. Dabei steht ihr von Scheinwerfern ausgehendes Licht in luzidem Kontrast zum volksverhetzenden Feuer der Bücherverbrennung des Jahres 1938. Dieses Gerüst ist Symbol für die Zerbrechlichkeit des Geistes in den Zeiten der Diktatur, ein eindringliches Bild für die Ohnmacht des Intellekts gegenüber der Brutalität der Macht.

 

Dietmar Feichtinger Architectes, Wintereinhausung des Hofbrunnes auf dem Residenzplatz, 2004

Der Bildhauer Walter Pichler schlug in den 1970er-Jahren vor, die Brunnen der Altstadt im Winter nicht mehr unter hölzernen Verschlägen zu verbergen, sondern sie mit leichten Konstruktionen aus Plexiglas zu versehen.

Architekt Wilhelm Holzbauer beschrieb den Vorschlag Pichlers für den Residenzbrunnen als „leichte Rohrkonstruktion mit Plexiglashülle anstatt des Bretterverschlags“. Umgesetzt wurde Pichlers Ansatz bei der Pferde-schwemme (heute Herbert-von-Karajan-Platz) und bei der Kapitelschwemme, nicht aber beim Residenzbrunnen. Viele Jahre später wurde der Floriani-brunnen am Alten Markt nach Plänen von Franz Fonatsch mit einer transparenten Einhausung versehen. Sein Gestaltungskonzept übertrug er auch auf die Marienstatue auf dem Domplatz. Dabei zeigte sich, dass dieser Entwurfsansatz der Dimension des Monuments nicht mehr gerecht wird. Hinsichtlich der bereits geplanten Einhausung des Residenzbrunnens sprach sich Vizebürgermeister DDr. Karl Gollegger – er war für die Altstadt- und Tourismusagenden der Stadt verantwortlich – daher für die Durchführung eines Wettbewerbs aus. Diesen gewann das in Paris beheimatete Büro von Dietmar Feichtinger. Die Form des zwölfeckigen Brunnenbeckens übersetzt der gebürtige Steirer in eine parabolisch geformte konkave Hüllfläche, die die Dynamik der figura serpentinata (einer schlangenförmig gewundenen Figur) im Aufbau des Renaissance-Brunnens aufnimmt. Feichtinger hat durch seine Brückenbauten in Paris, Lyon oder bei der Klosterinsel Mont St. Michel mehr als einmal bewiesen, dass er moderne Technik mit historischen Objekten zu verbinden weiß. Zudem versicherte er eine sehr gute Funktionalität beim jährlichen Auf- und Abbau.

Dem wäre nichts hinzuzufügen, außer dass nach dem Ausscheiden von Karl Gollegger aus der Stadtpolitik die Burghauptmannschaft als Bauherr schon bald große technische Probleme bei der Umsetzung geltend machte. Mittlerweile wurde das Umfeld des Brunnens neu gepflastert und der alte Holzverschlag durch einen neuen ersetzt. Der auf der Höhe der Zeit neu interpretierte Vorschlag Pichlers wird somit bleiben, was er ist: eine schöne Idee.

Der Mönchsberg

Der Mönchsberg, dieser seit Jahrhunderten von Menschenhand behauene Felsen mit seinen Kavernen und architektonisch gestalteten Wänden, mag manchmal mehr als ein Werk der Kunst als eines der Natur erscheinen.

Die schützende Barriere von Festungs- und Mönchsberg, eine natürliche Stadtmauer, war ausschlaggebend dafür, dass hier schon vorgeschichtliche Siedlungen entstanden; zugleich wurde sie zum Hemmschuh für die Entwicklung der Stadt. Den Berg zu perforieren war daher seit jeher ein Thema. Schon im Mittelalter schlug man einen Tunnel durch den Berg, den Almkanal, der über ein weitverzweigtes Netz an Kanälen Wasser für die Straßenreinigung, den Antrieb von Mühlen und Hammerwerken sowie für Brunnen, wie etwa den Residenzbrunnen, lieferte. Bereits 1676 regte Guidobald Franz Freiherr von Hegi einen Durchstich durch den Mönchsberg samt Stadterweiterung in der Riedenburg an, um der Stadt, die kaum mehr Entwicklungsmöglichkeiten besaß, solche zu eröffnen.
Das Bauen im und mit dem Fels weist dabei auf eine andere Architektur: das „a-tektonische Aushöhlen, Ausgraben, das sich frei in alle Richtungen – wie der Fisch im Wasser ausbreiten kann“, wie Hans Hollein einmal notierte.

Nicht weniger herausfordernd war der Versuch, auf dem Mönchsberg zu bauen (Projekte für Festspielhäuser werden im Kapitel „Festspielhäuser“ erörtert). Die Nationalsozialisten planten – als Pendant zur Bebauung des Kapuzinerbergs – auf dem Mönchsberg die Zentrale des Wehrkreiskommandos XVIII – eine megalomane Absurdität, die die ganze Brutalität dieses
selbst ernannten Herrenmenschentums aufzeigt. Dagegen ist alles, was später noch an Projekten für diesen Ort geplant wurde, eine reine Lappalie.

Ungleich poetischer ist Álvaro Sizas Entwurf für die Erweiterung des Casinos Winkler am Mönchsberg. Das sahen allerdings die bestimmenden konservativen Kreise in Salzburg
nicht so. Ein Entrüstungssturm, geschürt u. a. vom damaligen Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, der den Untergang, wenn schon nicht des Abendlandes, so doch Salzburgs prophezeite, fegte das Projekt hinweg.

Hans Holleins Projekt eines Guggenheim Museums im Mönchsberg gilt als Paradebeispiel dafür, wie in Salzburg die Paarung aus provinziellem Kleinmut und hypostasierter Weltgeltung die historisch einmalige Chance vereitelt hat.
Die bauliche Erschließung des 2004 anstelle des Café Winkler errichteten Museums der Moderne war von Anfang an problematisch. Um die Situation zu entschärfen, lobte man noch vor der Eröffnung des Hauses einen Wettbewerb aus, der Sizas Idee eines Panoramalifts an der Mönchsbergwand wieder aufgriff. Diese sichtbare Verknüpfung von Stadtebene und Bergplateau zog der Betreiber und Auslober des Wettbewerbs – offiziell aus Kostengründen – wieder zurück.

Was braucht Salzburg morgen?

Statment zum Thema „Ungebautes Salzburg“ von Walter Angonese, Architekt, Mitglied des Gestaltungsbeirats der Stadt Salzburg

Salzburg braucht mehr zwischenräumliches Denken. Mehr wechselseitige Unterwanderung der jeweiligen städtischen Kulturen. Zu getrennt agiert man zwischen der historischen Altstadt um den Mönchs- und Kapuzinerberg und den übrigen Stadtteilen. Zu viel an Wahrung, zu viel an einem rein linearen Schutzgedanken der jeder Veränderung argwöhnisch Gegenübersteht, zu viel an Angst vor Icomos-Gutachten und vielem mehr, eine regelrechte Phobie vor dem Verlust seiner Sestspielidentität und ausserhalb der Heiligen Altstadt, draussen in den randständigen Bezirken zu viel an rein figurativer und formaler Zeitgenossenschaft, die dann meist in den bemerkenswert rigiden Bestimmungen stecken bleibt und sich in der Perversion des Vollwärmeschutzes manifestiert.
Salzburg braucht mehr Zwischenräumliches im Städtebau (was auch mehr Dichte meinen könnte), Zwischenräumliches welches den Schwarz-Weiß-Gedanken zwischen dem Alten und dem Neuen relativiert und in Frage stellt, auch mehr Zwischenräumliches was die soziale Konfiguration dieser wunderbaren Stadt betrifft.
Was braucht Salzburg morgen? Vor allem mehr Mut, diese Zwischenräume vermehrt zu entdecken und zu erschließen, Brüche hier wie dort auch zuzulassen. Was wäre, wenn in der Felsenreitschule auch einmal ein Sportwettkampf (Boxen oder Tennis) veranstaltet würde, am Domplatz ein Heavy Metal Konzert für wirklich jedermann und dafür im Fußballstadion eine Oper für die Massen von statten gehen würde, oder in Lehen, wo man sich gerne sehr Bourgeois gibt, dies aber nicht so richtig ausleben kann?
Utopien sind dann gerechtfertigt, wenn die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen Utopien rechtfertigen. Wir sind, meines Erachtens gerade jetzt in einer Zeit, wo wirklich Utopisches oder Neues, nie Dagewesenes sich schwer tut und trotzdem sollten wir nicht aufhören, uns und unser Zeitalter weiterzubringen.
Die Entdeckung der Zwischenräume bleibt für mich ein derzeit spannender und gangbarer weg.